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deutsch-türkisch – transkültürell

Monat: Juni, 2013

..was mich am meisten nervt – Proteste in der Türkei

..Was mich an dieser Debatte (in Deutschland) am meisten nervt, ist nicht nur, dass alle meinen, Erdogan als Diktator identifizieren zu können, sondern viel mehr die bornierte Arroganz mit der Leute mit null Ahnung meinen, dass plötzlich eine Zivilgesellschaft in der Türkei entstanden wäre und dass die Türk_innen nun endlich den Mund aufmachten. In der Türkei gibt es wie hier ein großes soziales zivilgesellschaftliches Engagement und das nicht erst seit Ende Mai diesen Jahres. Die Frauenbewegung spielt in der Türkei beispielsweise ebenso eine große Rolle, die im letzten Jahr verhindern konnte, dass ein Abtreibungsverbot eingeführt wird. Zudem haben sie in den letzten Jahren zu verschiedenen Gesetzesänderungen beigetragen. http://www.wwhr.org/category/news/32876/pinar-ilkkaracan-islam-allows-abortion
Erdogan ist konservativ-reaktionär, unbestritten, aber er unterscheidet sich nicht so sehr von CDU-Politiker_innen, die großes Engagement hier auch nötig machen. Aber er kann eben nicht einfach machen, was er will. Dafür sorgt die türkische Bevölkerung schon und wird es hoffentlich auch in Zukunft tun. Es ist auch noch unbestreitbar viel zu tun, in der Türkei wie auch hier, und es ist notwendig, aufmerksam zu bleiben.  Aber eine als Solidarität getarnte orientalistische Propaganda von hier ist nur kontraproduktiv und lähmt im Zweifeslfall die Proteste und die türkische Zivilgesellschaft.  Wer hier also für eine Revolution ist und meint, die konservativ-reaktionären Kräfte müssten mit aller Macht bekämpft werden, und jegliche Kritik an der türkischen Regierung wären deswegen jetzt legitim, egal ob diese in einem rassistischen Diskursumfeld stattfindet oder nicht, die sollten erst hier aufstehen und Merkel vertreiben, bevor sie sich in Sachen einmischen, von denen sie keine Ahnung haben.

Frauen und Bildung in der Türkei #ein paar Zahlen

11,4 % der über 25 jährigen Frauen in der Türkei können nicht lesen und schreiben
8,2 % können lesen und schreiben, haben aber keinen Abschluss (auch kein Grundschulzeugnis)
39,3 % haben lediglich ein Grundschulzeugnis
13,2 % einen Abschluss von der Sekundarstufe (vergleichbar mit Haupt- oder Realschulabschlüssen)
14,5 % haben Abitur
8,8 % verfügen über ein Hochschulzeugnis
0,7 % haben den Master
0,2 % sind promoviert
Stand 2011
im Vergleich dazu 1975 in der gleichen Reihenfolge:
65%
5,1%
23,9%
2,1 %
2,5 %
0,7 %

Quelle: Türkiye Istatistik Kurumu 2011

FAZIT=Es hat sich einiges geändert. Von 1975 bis 1985 war der Prozentsatz von 65% auf 45,9% bereits gesunken und seit dem scheinen sich die Zahlen stetig zu verbessern. Allerdings ist die Zahl der Frauen, die heute nach wie vor nicht lesen und schreiben können, der Frauen, die keinen quailifizierten Berufsabschluss haben, viel zu hoch. Es gibt zudem in der Türkei kein duales Ausbildungssystem, welches eine Perspektive neben einer Hochschulbildung bieten könnte und entsprechend Bildung attraktiver machen könnte….

 

OHA-ranienplatz… Der Kampf für die Freiheit ist mehrdimensional. Über Sexismus und Rassismus auf dem O-Platz.

stehende ovationen für diesen text

Undifferenzierte, populistische Proteste in der Türkei

Für mich ist es nicht verständlich, warum die Aletivitische Gemeinde in Deutschland sich hier nicht viel klarer innerhalb der Proteste positioniert, zumal viele der Demonstrant_innen und ihrer Unterstützer_innen auch rassistisch motiviert sind. Zu Beginn dachte ich, dass es vor allem die Rechten sind, die diese rassistische Stimmungsmache in die Proteste hineinbringen. Rassistische Sprüche sind in den letzten Tagen und Wochen zuhauf auch über das Social Media verbreitet worden. Aber die Rechten haben sich mittlerweile weitgehend aus den Protesten zurückgezogen, während die rassistische Stimmungsmache noch nicht aufgefört hat. Und das kommt auch nicht von den linksextremen Gruppierungen in der Türkei, die in der Regel ähnlich radikal eingestellt sind, wie auch in Deutschland beispielsweise die Anti-Deutschen oder andere kommunistische oder anarchistische Gruppen, die Nationen und Staaten ablehnen. Diese Gruppen sind in der Regel international ausgerichtet und daher auch mit fortschrittlichen Diskursen über Rassismus und Sexismus auf verschiedenen Ebenen, mal mehr oder weniger, vertraut. Das Problem sind aus meiner Perspektive viel mehr die alten CHP Kader, die sich seit über 30 Jahren nicht wirklich weiter entwickelt haben, seit dem Militärputsch von 1982. Die CHP wurde damals vom Militär durch zahlreiche Hinrichtungen “entradikalisiert” und besteht heute vorwiegend aus kemalistischen Rassist_innen, die weder Minderheiten als gleichberechtigt anerkennen, noch fromme Muslime. Für sie gibt es nur das Türkentum, das die Herrschaft in der Türkei zu übernehmen hat, weil es für sie die höhere Rasse ist. sie sind verblendet von einem ideologischen Kemalismus, der auch in einen irrationalen Personenkult übergeht und jegliche Vergangenheitsaufarbeitung verunmöglicht. Von Geschlechtergerechtigkeit sind auch sie weit entfernt. Während die CHPler_innen das Kopftuch und andere offensichtliche muslimische Symbole und Körperpolitiken offen feindselig ablehnen, sind die Geschlechterrollen unter ihnen vorwiegend klassisch patriarchalisch geordnet. Die Männer führen die Geschäfte, Frauen sehen schön aus, können gut kochen und sind besonders fleißig. Während Männer die Richtung der Politik bestimmen, gibt es heute keine nennenswerte republikanische (cumhuriyetci) Frauenbewegung mehr in der Türkei. Die Frauenbewegungen in der Türkei sind vor allem geprägt von marginalisierten Frauen, wie den frommen Musliminnen, Kurd_innen, Alevit_innen, wobei die sich auch hier sehr bedeckt halten und schließlich den transgender und queer Feminist_innen. Die CHP- Frauen haben sich selbst in ihren gesellschaftlichen Positionen zu “Frauen von”, zu Ehefrauen reduzieren lassen, weswegen sie den Kampf der Männer im Moment mitführen. Denn ohne sie verlieren auch sie. Deswegen ist es nicht verständlich, warum die Alevitische Bewegung sich solchen Gruppen anschließt, zumal sie dabei offensichtlich nur verlieren kann.
Gestern hab ich mir übrigens überlegt, mal ein Screenshot zu machen, als ich wieder ein rassistisches Posting im Kontext der Proteste in der Türkei sah. Ich möchte das Bild hier nicht posten, um mich nicht an das populistische Niveau dieser Debatte anzupassen, aber ich übersetze den Spruch, der da drauf stand: “Bin ich in meinem eigenen Land die, die seltsam ist? Es sollen sich die schämen, die mich verdrängen wollen. Der, der den TÜRKEN verachtet, weil er sich nicht beugt, aber jeden daher gelaufenen Hund hochhält, soll sich schämen.” Dies war in einer Gruppe von republikanischen Frauen (Cumhuriyetci Kadinlar) und dieses Bild hatte 86 likes und keinen einzigen Widerspruch. Im Gegenteil wurde das Bild in den Kommentaren gelobt oder gar damit in Korrespondenz tretend, über die jetzige Regierung geschimpft und ein Ende dieser gefordert.
Davon hätte ich etliche in den letzten Wochen machen können. Einige habe ich auch gesammelt, aber ich möchte sie ehrlich gesagt nicht noch weiter der Verbreitung preisgeben. Vielleicht noch eins: die ältere Dame, deren Foto mit einer Steinschleuder so berühmt geworden ist, über sie hieß es bei Facebook zu Beginn, sie hätte beim Steine schleudern gesagt: “Warum behandeln Sie uns nicht so gut wie syrische Flüchtlinge, Herr Ministerpräsident?”. Erst als ihr Bild um die Welt ging, wurde es stumm. Es ist also nicht zu verstehen, warum die Alevitische Gemeinde, wie auch andere Gruppen diese Proteste so undifferenziert unterstützt, wenn sie doch durch einen radikalen Machtwechsel nur verlieren und nicht mal für mehr Religionsfreiheit plädieren kann, weil der CHP, als kemalistisch-laizistische Republikaner, die Religionsfreiheit absolut nicht viel wert ist. Die AKP hat dagegen Jahrzehnte für diese Religionsfreiheit gekämpft und kann im Grunde dagegen nicht argumentieren.

Turkish Riots #Geziparki_Istanbul

Ich stehe den Revolten in der Türkei mit gemischten Gefühlen gegenüber. Ich habe ihr Entstehen bei Facebook mitverfolgen können, wo alles mit dem Widerstand gegen die neuen Alkoholverbote der Regierung anfing. Es haben sich dazu viele Facebookgruppen (z.B. Alkolik Hareket Partisi)gegründet oder neu positioniert, in denen hauptsächlich ein öffentlicher, unsanktionierter Umgang mit dem Konsum von alkoholischen Getränken propagiert wurde. Diese Alkohol-Aktionen waren zum Teil auch aus feministischer Sicht beleuchtet, was ich besonders erfreulich fand. Denn zurecht wurde betont, dass Gleichstellung erst dann herrscht, wenn in der Türkei Frauen ebenso wenig wie Männer ein Ansehensverlust befürchten müssen wenn sie Alkohol kaufen oder in der Öffentlichkeit ein Bier oder Raki trinken. Es wurde darüber geschrieben, wie sehr vor allem Frauen darunter leiden, dass der muslimische Mainstream, den Erdogan offensichtlich nun auch in den Eliten versucht zu etablieren – die vorher ausschließlich den säkularen Kemalist_innen vorbehalten waren – eine soziale Kontrolle im öffentlichen Raum ausübt, die nun auch durch die Alkohol-Gesetze unterstrichen wurden.

Im Zuge dieser Proteste entstanden die Demonstrationen gegen Gentrifizierung und für den Schutz von Grünflächen und Bäumen im Gezi Park, wo die Alkohol-Aktionen ihre Fortsetzung erfahren haben. Doch kurz nach dem die Demonstrationen im Gezi-Park von der Polizei mit Gewalt geräumt wurden, hat sich eine Dynamik entwickelt, die die Ausmaße der Mai Demonstrationen 1968 in Paris angenommen hat. In Europa wurde schon äquivalent zum deutschen Herbst und arabischem Frühling, der türkische Sommer ausgerufen. Straßenschlachten bereiteten sich in Istanbul aus und bald hatten sich auch schon andere Städte wie Ankara,Izmir, Antalya, Eskisehir, Kocaeli, Konya und mittlerweile wahrscheinlich noch eine Menge anderer Kleinstädte den Protesten angeschlossen. Und auch in Europa wurde aus Solidarität mitdemonstriert. Viele sprechen von einem „Aufwachen der Türken“ und schauen voller Hoffnung in die Zukunft der Türkei. Es muss sich was ändern, darin sind sich alle einig.

So weit die Revolten nun aber in einem Licht der Emanzipation betrachtet werden können, so sehr müssen nun auch ihre Schattenseiten in den Blick genommen werden. Zum einen: Die Demonstrand_innen haben sich sehr schnell von der Propaganda Militär naher CHP Mitglieder vereinnahmen lassen, so dass es sehr schnell hieß, es gehe nicht mehr um die Bäume im Gezi Park. Es ginge um Erdogan und den Islam. Schließlich wurde immer wieder auch bei Facebook aufgerufen, die Kämpfe mindestens 48 Stunden aufrecht zu halten, weil es in der Türkei ein Gesetz(mir ist dieses unbekannt) gebe, wonach die amtierende Regierung zum Rücktritt gezwungen werden könne, wenn 48 Stunden so eine Art Ausnahmezustand herrscht. Zudem wurde offensichtlich mit Falschmeldungen über die Social Media die Eskalation der Geschehnisse geschürt. Darin ging es um die Zahl von Todesfällen, die bis jetzt noch nicht verifiziert sind, wie auch um die Größe der Demonstrationen, die beispielsweise mit Fotos vom Vodafone Istanbul-Marathon vermeintlich belegt wurden.

Je mehr die Demonstrationen sich auf dieses Spiel eingelassen haben und mit geballter oppositioneller Kraft (graue Wölfe und CHPler haben gemeinsam demonstriert) nur noch darum gekämpft haben, eine demokratisch gewählte Partei zu stürzen, haben sie an Glaubwürdigkeit ebenso eingebüßt, wie auch an den mit ihnen in Verbindung gebrachten Zukunftsvisionen einer demokratischeren Türkei. Als „Soldaten Atatürks“ haben sie sich auf eine rückwärtsgewandte, nationalistische Politik berufen, die sich in der Vergangenheit nicht minder repressiv dargestellt hat als die AKP-Regierung heute. Im Gegenteil: Der Militärputsch von 1980, dem insbesondere Linke zum Opfer gefallen sind, sind einer solchen Politik zuzuordnen, wie die Verfolgung von Muslimen, von repressiven Kopftuchverboten in der Türkei, die Privilegierung alter kemalistischer Eliten als einer Art kemalistischer Aristokratie und nicht zu vergessen der Kampf gegen die Kurden, deren Sprache und ethnische Identitäten im öffentlichen Raum völlig verboten waren. Die AKP hat indes einiges im Bezug auf diese Punkte verändert und Prozesse in Gang gesetzt, die aus demokratisch-emanzipatorischer Sicht durchaus als Erfolge zu verzeichnen sind und die sie zum Teil nur gegen diese Eliten, die jetzt die Proteste vereinnahmen wollen, durchgesetzt haben.

Jetzt bleibt zu hoffen, dass sich die Situation beruhigt und die Protestler_innen die Öffentlichkeit, die sie hergestellt haben, nutzen, um auf ihre Situationen und auf gesellschaftliche Missstände deutlich aufmerksam zu machen, ohne sich von alten Mächten vereinnahmen und instrumentalisieren zu lassen. Vor allem sollten sie unabhängig bleiben und Forderungen in alle Richtungen stellen. Die Aktionen um die Alkoholgesetze gingen meines Erachtens in die richtige Richtung. Reflektierend, Symbolpolitisch.

Doch auch darüber hinaus gibt es in der Türkei vieles, was aus meiner Sicht hier aus Deutschland noch sehr im Argen ist. In der Türkei muss zum Beispiel unbedingt über Rassismus gesprochen werden. Das wird bisher parteiübergreifend weitestgehend vernachlässigt und auch abgelehnt. Nur die AKP hat sich in diesem Bereich ein wenig vor getastet, aber nicht genug und zu einseitig. Es müssen aktuell Diskurse entlarvt werden, die Rassismus gegenüber Andersgläubige aus sunnitischer Perspektive produzieren. Alkoholgesetze, die primär mit dem Islam gerechtfertigt werden, fallen unter diese Kategorie. Auch wenn der Islam beispielsweise geholfen hat, die Mehrheit der Kurd_innen auf der Grundlage der gemeinsamen Religion in gesellschaftliche Prozesse einzubeziehen. Gegenüber Juden und Jüdinnen, Christ_innen, Atheist_innen, Alevit_innen kann das verständlicherweise auch als ein starkes Zeichen der Ausgrenzung wahrgenommen werden.

Während der Islam in Europa marginalisiert ist, befindet er sich in der Türkei zumal unter der AKP-Regierung in der Position der Herrschenden, der Dominanten. 50 % der Bevölkerung steht geschlossen hinter Erdogan. In dieser Position ist die AKP in der Pflicht, sich um die Interessen aller in der Türkei lebenden Menschen zu kümmern, anstatt das Bild einer nach wie vor „marginalisierten Mehrheit“ zu kennzeichnen, die heute in der Türkei nicht mehr vorhanden ist. Dabei ist es auch für antirassistischen Bewegungen in Europa besonders eklatant, dass die Türkei zum Teil auch eine Muslim-Mainstream Politik mit der marginalisierten Position des Islam und der Muslime in Europa rechtfertigt.

Doch im Gegenteil ist ihre Macht so groß, dass sie mittlerweile erdrückend ist, zumal Repressionen gegenüber Andersdenkende in der Türkei wieder zunehmen.  Und neben den massiven Repressalien gegenüber Journalist_innen und Autor_innen, haben wir nun auch mit eigenen Augen gesehen, mit welch brachialer Gewalt die Regierung gegen Demonstrand_innen vorgeht und seit Tagen kein wirkliches Einlenken in Sicht ist.

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