Undifferenzierte, populistische Proteste in der Türkei

von textproducer

Für mich ist es nicht verständlich, warum die Aletivitische Gemeinde in Deutschland sich hier nicht viel klarer innerhalb der Proteste positioniert, zumal viele der Demonstrant_innen und ihrer Unterstützer_innen auch rassistisch motiviert sind. Zu Beginn dachte ich, dass es vor allem die Rechten sind, die diese rassistische Stimmungsmache in die Proteste hineinbringen. Rassistische Sprüche sind in den letzten Tagen und Wochen zuhauf auch über das Social Media verbreitet worden. Aber die Rechten haben sich mittlerweile weitgehend aus den Protesten zurückgezogen, während die rassistische Stimmungsmache noch nicht aufgefört hat. Und das kommt auch nicht von den linksextremen Gruppierungen in der Türkei, die in der Regel ähnlich radikal eingestellt sind, wie auch in Deutschland beispielsweise die Anti-Deutschen oder andere kommunistische oder anarchistische Gruppen, die Nationen und Staaten ablehnen. Diese Gruppen sind in der Regel international ausgerichtet und daher auch mit fortschrittlichen Diskursen über Rassismus und Sexismus auf verschiedenen Ebenen, mal mehr oder weniger, vertraut. Das Problem sind aus meiner Perspektive viel mehr die alten CHP Kader, die sich seit über 30 Jahren nicht wirklich weiter entwickelt haben, seit dem Militärputsch von 1982. Die CHP wurde damals vom Militär durch zahlreiche Hinrichtungen “entradikalisiert” und besteht heute vorwiegend aus kemalistischen Rassist_innen, die weder Minderheiten als gleichberechtigt anerkennen, noch fromme Muslime. Für sie gibt es nur das Türkentum, das die Herrschaft in der Türkei zu übernehmen hat, weil es für sie die höhere Rasse ist. sie sind verblendet von einem ideologischen Kemalismus, der auch in einen irrationalen Personenkult übergeht und jegliche Vergangenheitsaufarbeitung verunmöglicht. Von Geschlechtergerechtigkeit sind auch sie weit entfernt. Während die CHPler_innen das Kopftuch und andere offensichtliche muslimische Symbole und Körperpolitiken offen feindselig ablehnen, sind die Geschlechterrollen unter ihnen vorwiegend klassisch patriarchalisch geordnet. Die Männer führen die Geschäfte, Frauen sehen schön aus, können gut kochen und sind besonders fleißig. Während Männer die Richtung der Politik bestimmen, gibt es heute keine nennenswerte republikanische (cumhuriyetci) Frauenbewegung mehr in der Türkei. Die Frauenbewegungen in der Türkei sind vor allem geprägt von marginalisierten Frauen, wie den frommen Musliminnen, Kurd_innen, Alevit_innen, wobei die sich auch hier sehr bedeckt halten und schließlich den transgender und queer Feminist_innen. Die CHP- Frauen haben sich selbst in ihren gesellschaftlichen Positionen zu “Frauen von”, zu Ehefrauen reduzieren lassen, weswegen sie den Kampf der Männer im Moment mitführen. Denn ohne sie verlieren auch sie. Deswegen ist es nicht verständlich, warum die Alevitische Bewegung sich solchen Gruppen anschließt, zumal sie dabei offensichtlich nur verlieren kann.
Gestern hab ich mir übrigens überlegt, mal ein Screenshot zu machen, als ich wieder ein rassistisches Posting im Kontext der Proteste in der Türkei sah. Ich möchte das Bild hier nicht posten, um mich nicht an das populistische Niveau dieser Debatte anzupassen, aber ich übersetze den Spruch, der da drauf stand: “Bin ich in meinem eigenen Land die, die seltsam ist? Es sollen sich die schämen, die mich verdrängen wollen. Der, der den TÜRKEN verachtet, weil er sich nicht beugt, aber jeden daher gelaufenen Hund hochhält, soll sich schämen.” Dies war in einer Gruppe von republikanischen Frauen (Cumhuriyetci Kadinlar) und dieses Bild hatte 86 likes und keinen einzigen Widerspruch. Im Gegenteil wurde das Bild in den Kommentaren gelobt oder gar damit in Korrespondenz tretend, über die jetzige Regierung geschimpft und ein Ende dieser gefordert.
Davon hätte ich etliche in den letzten Wochen machen können. Einige habe ich auch gesammelt, aber ich möchte sie ehrlich gesagt nicht noch weiter der Verbreitung preisgeben. Vielleicht noch eins: die ältere Dame, deren Foto mit einer Steinschleuder so berühmt geworden ist, über sie hieß es bei Facebook zu Beginn, sie hätte beim Steine schleudern gesagt: “Warum behandeln Sie uns nicht so gut wie syrische Flüchtlinge, Herr Ministerpräsident?”. Erst als ihr Bild um die Welt ging, wurde es stumm. Es ist also nicht zu verstehen, warum die Alevitische Gemeinde, wie auch andere Gruppen diese Proteste so undifferenziert unterstützt, wenn sie doch durch einen radikalen Machtwechsel nur verlieren und nicht mal für mehr Religionsfreiheit plädieren kann, weil der CHP, als kemalistisch-laizistische Republikaner, die Religionsfreiheit absolut nicht viel wert ist. Die AKP hat dagegen Jahrzehnte für diese Religionsfreiheit gekämpft und kann im Grunde dagegen nicht argumentieren.

Advertisements