Über die Liebe

von textproducer

Ich habe in letzter Zeit festgestellt, dass ich von der Liebe nicht so viel halte. Irgendwie liebe ich zu viele Menschen und ich kann im Grunde nicht anders als jeden Menschen zu lieben, der auf dieser Welt verweilt. Und ich liebe selbst Menschen weiterhin, die nicht mehr unter uns verweilen. Ich liebe sie einfach noch und ich werde sie immer lieben.

Das ist doch nicht schlimm, würden jetzt vielleicht einige denken und mich feiern, weil ich doch so ein toller Mensch (in diesem Kontext mag ich den Begriff Mensch übrigens gar nicht) sei. Ja, vielleicht bin ich das. Vielleicht auch nicht. Darum geht es mir weniger oder doch mehr, jedenfalls darin, worüber ich heute schreiben möchte. Denn ich liebe Menschen in erster Linie, weil ich weiß, dass Menschen Liebe benötigen, um überleben zu können. Wer nicht geliebt wird, stirbt. Das ist das – und endlich habe ich auch als promovierte Erziehungswissenschaftlerin das auch begriffen – was wir von Kindern lernen können. Kinder können nur mit Liebe weiterleben. Liebe versorgt sie, Liebe füttert sie, Liebe nimmt sie in den Arm, Liebe deckt sie nachts zu, Liebe strahlt sie an, Liebe hält Geschrei und Weinen aus, wie es nur Kinder in der Lage sind, ihren Emotionen Ausdruck zu verleihen. Denn und das ist die Grundlage der mütterlichen Liebe bis heute, die Liebe erwächst aus dem Bewusstsein für das Leben und dafür wie fragil und verletzlich dieses Leben ist. Frauen, die ihre Kinder im Bauch, bei oder nach der Geburt als kleine oder große Kinder verloren haben, haben dies wahrscheinlich mit dem größtmöglichen Schmerz überhaupt erfahren,

Aber darüber hinaus gibt uns das Kind noch viel mehr. Es ist nämlich in der eigenen Bewusstheit den Mitmenschen so sehr ausgeliefert, dass es sich nicht verleugnen kann. Das Kind lernt es mit der Zeit natürlich. Irgendwie muss es ja auch sein. Leider kannst Du so ein Kind eben nicht jedem Menschen anvertrauen, der daher kommt. Das liegt daran, dass viele Menschen eben nicht zurecht kommen, sich nicht über sich und die Welt bewusst sind und dieses ohnehin schon verletzliche Leben bedrohen, verängstigen..

Ich dachte immer, dass Menschen, die wissen, was der Tod bedeutet, also der Tod eines Angehörige, eines geliebten Menschen, nie einem Menschen etwas böses antun könnten, aus dem Wissen heraus, dies kann immer die letzte Gelegenheit sein, in der Du die Möglichkeit hast dem Menschen zu sagen, dass Du diesen Menschen sehr liebst.

Leider sind aber Menschen – und das ist eher ein Begriff von Mensch, den ich mag – sehr unterschiedlich. Die einen reagieren so und die anderen anders. Die einen drücken ihre Liebe so aus oder auf eine andere Weise. Für die Liebe scheint es m.E. auch keinen richtigen Begriff in der deutschen Sprache zu geben. Im Türkischen gibt es Begriffe wie Aşk oder Sevgi und viele mehr, die mir gerade auf Anhieb nicht einfallen, weil ich mich gerade in der deutschen Sprache zu reflektieren versuche, diese aber bei den Äquivalenten zu Liebe in anderen Sprachen hier eine Grenze findet. So ist Aşk ein Begriff, der für glühende Liebe spricht, für leidenschaftliche, für verrückte Liebe. Musiker_innen wurden früher im allgemeinen als Liebende bezeichnet, wobei diese Tradition m.W. nach nicht mehr wirklich existiert. Aşik – der Begriff für Liebende – allerdings ohne i-punkt geschrieben (ich habe immer noch keine türkische Tastatur) und deswegen auch nicht als i ausgesprochen.
Sevgi ist dagegen ein Wort für beständige Liebe, für Schönheit im Kleinen..Dass es zwei verschiedene Worte gibt, heißt aber nicht, dass sie nicht nicht auch in eins fallen können Vielmehr beschreiben diese einzelnen Begriffe die Liebe in bestimmten Formen, die aber oftmals zusammenfallen und gar nicht voneinander getrennt betrachtet werden können.

Aber neben der Liebe, was gibt es da noch?
Das Verliebtsein! Ich finde, es ist eines der schönsten Zustände, in die ich je hineinversetzt wurde. Das Verliebtsein besteht für mich aus Überraschungen, aus Blitzen und Donnern, aber auch aus Mitgefühl und Empathie, aus dem Verständnis für die/en Anderen, die/er dir plötzlich so groß und mächtig erscheint, dass Du ohne diesen Menschen zu leben, Dir nicht mehr vorstellen kannst.

Das macht das Verliebtsein aber unberechenbar. Es ist schwer festzustellen, wohin dieses Verliebtsein oder eben auch diese Aşk dich hintreiben wird. Ist das alles noch mit deinen Plänen vereinbar? Ist es wirklich das, was Du möchtest? Oder stellst Du Dir die Zukunft anders vor als mit einem Menschen ohne den Du im Grunde nicht mehr leben möchtest. Es fühlt sich plötzlich so an, als könnten für einen Moment alle Deine Wünsche in Erfüllung gehen und Du kriegst Angst. Aber wenn all meine Wünsche in Erfüllung gehen, was dann? Woran arbeite ich dann mein Leben lang? Wofür spare ich dann? worüber beschwere und schimpfe ich mein Leben lang? Und weil kein Mensch im Diesseits schon tot sein möchte, ist die Entscheidung, sich nicht für diesen einen Menschen zu entscheiden sehr groß.

Allerdings denke ich, dass das auch wieder so ein erwachsener Blödsinn ist, vielleicht aus einem der vielen grausamen Märchen, die uns Angst und Schrecken gelehrt haben und uns oft nie mehr loslassen, um ein Leben in Würde leben zu können. Doch von Kindern können wir lernen, wie es sich jeden Tag wieder schön anfühlt, sich einen Wunsch erfüllt zu haben…Darüber hinaus gibt es noch so viele Wünsche und ich glaube, wenn wir erstmal das Tor der Wünsche geöffnet haben, werden die Wünsche, Begierden und Freuden dann ganz von alleine zum Vorschein kommen. Sie werden da sein neben allem anderen, was dich sonst noch ausmacht…

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